Altenpflegemesse und Zukunftstag Altenpflege 2018 in Hannover
Altenpflegemesse und Zukunftstag Altenpflege 2018 in Hannover

578 Aussteller in vier Hallen und 86 Vorträge in drei Tagen. Eine Vielfalt an Informationen, Ideen, Bekanntem und Neuem erwartete die Messebesucher*innen. BBF konzentrierte sich auf die Themen Digitalisierung, Startups und vor allem auf die Vorträge.

Die Vorträge

Unter einer Fülle von Vorträgen mussten wir eine Auswahl treffen und orientierten uns an dem, was uns als Fachberatungsfirma im Alltag und in naher Zukunft quasi unter den Nägeln brennt. Hierzu die aus unserer Sicht wichtigsten Ergebnisse, die jedoch nur einen kleinen Ausschnitt darstellen:

1. Pflegenoten: Wie geht es weiter?

So lautete der Titel eines Vortragsblocks, in dem unter anderem Dr. Klaus Wingenfeld, Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld, zum Stand der Neuausrichtung von „Qualitätsprüfungen und öffentlichen Qualitätsberichten in der Pflege“ berichtete. Um die entscheidende Frage gleich vorweg zu nehmen: Ja, das neue Verfahren wird ab 2019 in der stationären Altenpflege eingeführt.

Zukünftig werden die stationären Altenpflegeeinrichtungen halbjährlich eine Selbsterhebung mit einem standardisierten Erhebungsbogen durchführen. Dieser Bogen existiert bereits und ist getestet, aber zurzeit noch nicht freigegeben. Die darin enthaltenen Qualitätskriterien spiegeln das neue Verständnis von Pflegebedürftigkeit und Pflege wider, dass sich auch in dem Begutachtungsinstrument (BI) zeigt. Dem Erhalt der Selbständigkeit kommt ein großer Stellenwert zu. Themenschwerpunkte bei der Selbsterhebung durch die Einrichtung sind vor allem die Unterstützung in der Mobilität, die Gestaltung des Alltagslebens der Betroffenen und der sozialen Kontakte sowie die Erfassung von Risiken. Die Pflegefachkräfte benötigen hierfür vor allem die Kompetenz der fachlich korrekten Einschätzung der Versorgungssituation, der Risiken und tatsächlichen Folgen für den Pflegebedürftigen. Wie der weitere Ablauf der Datenverarbeitung sein wird, ist noch unklar. Die Ausschreibungen für eine zentral verarbeitende Datenstelle laufen gerade.

Die Datenstelle wird auf jeden Fall eine vergleichende Auswertung der Erhebungsbögen liefern. Vergleichend meint, dass jede Einrichtung eine Rückmeldung bekommt, wo sie im Vergleich zu anderen Einrichtungen steht – zum Beispiel, ob bei ihren Bewohner*innen über- oder unterdurchschnittlich oft ein Dekubitus auftritt. Aus dieser Rückmeldung heraus ist das interne Qualitätsmanagement gehalten, Ursachen zu analysieren und Maßnahmen einzuleiten.

Die MDK-Prüfungen als externe Qualitätsprüfungen bleiben!

Sie werden aber methodisch und inhaltlich angepasst. Aufgaben und Blickwinkel der Prüfer*innen werden sich zum Teil verändern. Dazu wird gehören, dass sie fallbezogen zu prüfen haben, ob die von den Einrichtungen selbst erhobenen Daten und daraus resultierenden Maßnahmen fachlich korrekt sind. Zukünftig sollen die schriftlichen Dokumente einen geringeren Stellenwert haben als die Pflegeergebnisse. Was kommt bei dem bzw. der Pflegebedürftigen an, wie wurde auf Risiken und auf dessen bzw. deren Bedürfnisse reagiert. Das Fachgespräch und die mündliche Auskunft, wie zum Beispiel die schlüssige Darstellung der Pflege und Betreuung durch die Mitarbeiter*innen, haben dann mindestens den gleichen oder einen höheren Stellenwert wie die Dokumentation. Dies könnte der langersehnte Paradigmenwechsel sein – welcher Chancen und Risiken birgt. Die Pflegefachkräfte können dann im Gespräch mit den Prüfer*innen beschreiben, was sie tun, warum sie es tun und warum sie die Situation so einschätzen und nicht anders. Sie können ihre Professionalität zeigen, argumentieren und fachlich diskutieren. Da dies in der Vergangenheit nicht durchgängig vorhanden war, sind die Einrichtungen gut beraten, ihre Mitarbeitenden fachlich, argumentativ und in deren Auftreten vorzubereiten.

Laut Aussage auch von Annette Scholz, Leiterin der Geschäftsstelle Qualitätsausschuss Pflege e. V., wird das neue Verfahren mit Übergangsfristen eingeführt, sodass die Einrichtungen sich darauf einstellen können.

Wir bereiten Sie gern auf das Kommende vor: in Ihren Einrichtungen oder mit unserem neuen Angebot der Intensivfortbildungen in Busdorf.

Für die ambulante Pflege wird dieses Verfahren nicht greifen. Hier werden zurzeit andere Instrumente unter Beteiligung des Institutes für Pflegewissenschaften erarbeitet. Das Projekt endet in diesem Jahr. Der Titel lautet „Förderung der Ergebnisorientierung in der ambulanten Pflege“.

2. Zukunft der Pflege: ambulant und stationär statt ambulant vor stationär

Zwei Referenten berichteten von ihren Konzepten, mit denen sie schon seit rund zehn Jahren in anderen Wohn- und Versorgungskonzepten die Auflösung zwischen ambulant und stationär praktizieren. Herr Pfister von der BeneVit Holding GmbH sprach von der stambulanten Pflege. Beispiele hierzu finden Sie auf Internetseiten wie https://www.benevit.net/hausgemeinschaftskonzept.html und https://www.advita.de/.

Jörg Veil, Geschäftsführer der Home Instead, spezialisiert sich mit dem aus Amerika kommenden Geschäftsmodell auf Betreuungsleistungen. Sie bieten bundesweit mit angelernten Betreuungskräften Versorgungsdienstleistungen an, teils in eigenen Diensten, aber überwiegend im Franchise-Modell. Home Instead sieht sich als Ergänzung zu ambulanten Pflegediensten, da sie selbst keine Behandlungspflege leisten. Sie haben SGB XI-Versorgungsverträge. Somit muss in jedem Dienst eine PDL und Stellvertretung vorgehalten werden. Ansonsten sind es nur angelernte Mitarbeiter*innen, die von Reinigung bis Betreuung alles rund um den Kunden anbieten. Das Ziel von Home Instead ist es, von jetzt 83 Diensten auf 150 Dienste auszubauen und damit flächendeckend in Deutschland präsent zu sein.

Anja Möwisch, Juristin, betrachtete als vierte Referentin das Thema von einer ganz anderen Seite. Sie stellte die Frage, wie intelligente Versorgungssysteme und persönliche Ansprechpartner in den Quartieren refinanziert werden können. Wie kann die Wohnung von Pflegebedürftigen/Leistungsberechtigten der Zukunft aussehen? Wie wird die Nutzerakzeptanz sein, wie wird es finanziert und wie sehen die Verträge mit den Leistungsanbietern aus? Zurzeit gibt dies unser Leistungssystem nur ungenügend her.

Frau Möwisch verhandelt zurzeit für Quartiere mit den Sozialhilfe- und sonstigen Kostenträgern Zeitbudgets, in denen auch Leistungen nach SGB XII mit Hilfe zur Pflege integriert werden.

Aus unserer Sicht ist die Zukunft der ambulanten Pflege oder „stambulanten“ Pflege nicht das, was an Konzepten vorgestellt wurde, sondern die jetzt stattfindende Realität. Die zukünftige Entwicklung wird die Verzahnung der Pflege mit der Eingliederungshilfe oder ggf. die Integration beider Systeme sein. Die ersten Schritte sind schon getan.

3. Digitalisierung in der Pflege

Prof. Helmut Kreidenweis, u. a. Lehrstuhl für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstedt, meinte, dass alle auf der Welle der Digitalisierung reiten, aber nicht wissen, was dies eigentlich bedeutet. Er beschrieb es als:

  • Wandel in der Gesellschaft in allen Bereichen
  • Radikale Veränderung des Kommunikationsverhaltens
  • Rasante Entwicklung
  • Künstliche Intelligenz

Digitalisierung meint nicht die Nutzung klassischer Informationstechnologie a la Input – Verarbeitung – Output. Vielmehr geht es um autonome Datensammlung und selbstlernende Systeme, die sich den Gewohnheiten des Nutzers anpassen. Damit kommen in der Altenpflege völlig neue Marktteilnehmer ins Spiel. Als Beispiel nannte er die Internetplattform Betreut.de, auf der anbieterunabhängig Betreuungsleistungen buchbar sind. Aus seiner Sicht sind Einrichtungen, die sich nicht mit der Digitalisierung beschäftigen, nicht zukunftsfähig. Als wichtigste Eckpunkte nannte er:

  • Digitalisierung als Managementthema
  • Potenziale erkennen
  • Kundenfokussiert denken
  • Methoden und Ansätze zur Entwicklung neuer und hybrider Services erkennen.

Mit kleinen Einheiten anfangen, schnelles Testen und fortlaufend weiterentwickeln, anstatt ein fertiges Produkt zu bringen

  • Assistenztechnologie: werden schon Erfahrungen gesammelt? Gibt es Geschäftsmodelle, die Assistenzsysteme mitdenken?

Hierzu passte gut der Blick in die Messehallen, was die Anbieter zu dem Thema zu bieten haben. Hier exemplarisch bei den Startups und den Dokumentationsherstellern.

Die Messe

In Halle 21 war eine große Ausstellungsfläche unter dem Stichwort AVENEO den Startup-Firmen vorbehalten. Kleine innovative Einheiten zu sehr unterschiedlichen Themen: von der Essensversorgung bis zur Mobilität und vor allem, ja, wie soll man es nennen, Monitoring von Betroffenen? Zum Beispiel in Form einer Fußleiste im Zimmer, die meldet, wenn der/die Betroffene aufsteht, längere Zeit inaktiv ist oder am Boden liegt. Eine Medikamentenbox, die zur richtigen Zeit den entsprechenden Blister ausgibt und nur den, damit auch desorientierte Menschen die richtige Dosierung einnehmen. Da bei Medikamentenumstellung aber der gesamte Blister verworfen werden muss, betrachten wir die eigentlich gute Idee im Sinne der Nachhaltigkeit kritisch. Zum Thema Selbstlernen und fachlich fit halten von Pflegekräften wurde die App „Super Nurse“ angeboten. Viele kleine Ideen, die in sich aber genau das ausmachen, was Prof. Kreidenweiss als Schritte zur Digitalisierung unserer Alltags- und Berufswelt betrachtet.

Enttäuschung bei der Umsetzung des Strukturmodells

Wie jedes Mal nahmen die Dokumentationsanbieter in der Halle 21 viel Raum ein – und enttäuschten uns zum Teil sehr. Zwar haben jetzt alle von uns angesehenen Anbieter den Sprung zum Strukturmodell gemacht, aber in der Umsetzung gibt es erhebliche qualitative Unterschiede. So konnten wir von vier näher betrachteten Angeboten nur eines finden, dass sich bis hin in die Maßnahmendarstellung und -bestätigung konsequent an die Vorgaben hält. Die anderen Anbieter wiesen einen Mix aus Strukturmodell und klassischem Einzelnachweis auf. Das Argument war, dass dies von Kunden gewünscht sei. Wirklich?

Bis zur Digitalisierung der pflegerischen Dokumentation ist es noch ein weiter Weg. Allerdings entspricht dies auch dem Bedarf der Einrichtungen, die sehr hohe Investitionen bewältigen müssen, nur um zunächst einmal über eine funktionierende und gute IT-Plattform zu verfügen.

Fazit aus den 3 Tagen: vieles war bekannt, manches erstaunlich. Aber es ist einfach gut, dabei gewesen zu sein.

Ein Artikel von Petra Heinrichs